Als die Unwetterkatastrophe in Südfrankreich Breil-sur-Roya und unseren ersten Tag im neuen Haus zerstörte

by Feli
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Am 2. Oktober gab es eine verheerende Unwetterkatastrophe Südfrankreich. Besonders betroffen war das Roya-Tal, in dem wir 3 Tage vorher ein Haus gekauft haben. Dieser Beitrag ist eine traurige und sehr persönliche Geschichte über die Katastrophe und den Klimawandel in Frankreich.

Im September haben wir etwas ganz Verrücktes getan. Wir haben ein Haus gekauft! Eigentlich ist es kein Haus, sondern ein wunderschöner Ort am Ende der Welt. Er liegt in den französischen Seealpen kurz vor der italienischen Grenze im Tal der Roya und in der Gemeinde Breil-sur-Roya auf knapp 600 Metern Höhe.

Das Roya-Tal in den französischen Seealpen

Die Roya ist ein Fluss der sich parallel zur italienisch-französischen Grenze etwa 60 Kilometer durch die Seealpen schlängelt. Sie entspringt nördlich des französischen Ortes Tende, durchquert etwas weiter südlich Breil-sur-Roya und wechselt dann auf die italienische Seit, um in Ventimiglia schließlich ins Mittelmeer zu münden.

Das Roya-Tal gehört zum Nationalpark Mercantour. Während der untere Teil des Tales eine typisch mediterrane Landschaft mit Olivenhainen darstellt, befindet man sich im oberen Teil des Roya-Tals in einer alpinen Gebirgslandschaft.

Eine besonders beeindruckende und nur wenige Kilometer vom Roya-Tal entfernte Sehenswürdigkeit ist das Tal der Wunder (Vallée des Merveilles). Dabei handelt es sich um ein durch einen Gletscher geformtes Hochgebirgstal, in dem sich 40 000 vor etwa 5000 Jahren entstandene prähistorische Felszeichnungen befinden.

Breil-sur-Roya

Aber auch das viel niedriger im Tal gelegene Breil-sur-Roya hat einen ganz besonderen Charme. Es liegt auf einer alten Salzstraße zwischen dem nur 25 Kilometer entfernten Mittelmeer und dem Piemont. Der Ort selbst mit seinen rosa und ockerfarbenen Fassaden ist ein Schmuckstück der ligurischen Architektur. Umgeben ist er von von Menschenhand geschaffenen Terrassen, auf denen unter anderem 26 000 Olivenbäume stehen. Ein Teil dieser Oliven wird als Oliven aus Nizza (Olives de Nice) verkauft, der Rest zu Öl gepresst.

Unser neues Zuhause in Breil-sur-Roya

Das Roya-Tal ist im Gegensatz zur ohne Frage wunderschönen, aber auch völlig zugebauten und überbevölkerten Côte d’Azur ein Rückzugsort in die wilde und teilweise noch unberührte Natur. Viele der Häuser, die sich außerhalb der eigentlichen Ortskerne befinden, entstanden ursprünglich als Scheunen, Trockenräume oder Schutzhütten und wurden im Laufe der Jahrhunderte weiter ausgebaut.

Da im Roya-Tal eine traditionelle und nur hier typische Gewölbe-Architektur existiert, besitzen diese Häuser einen ganz einzigartigen Reiz. Oft sind mehrere Häuser ineinander verbaut. So ist auch unser Haus eigentlich kein Haus, sondern mehrere Wohnungen in zwei Häusern mit einem großen verwilderten Grundstück.

Suche nach Natur und Freiheit

Eigentlich hat es nicht zu meinen Lebensträumen gehört, irgendwann einmal Hausbesitzer zu sein. Aber wie ich hier schon des Öfteren erzählt habe, waren die Wohnbedingungen während unserer Pariser Jahre sehr beengt. Anfangs lebten wir zu zweit auf 23 Quadratmetern, später zu dritt in einem Zimmer auf 42 Quadratmetern. Beide Wohnungen lagen in einem Vorort von Paris an einer großen Straße. Im Laufe der Jahre waren wir nur noch gereizt und genervt vom Lärm, der Hitze und der Enge.

Deshalb haben wir uns am 30. September 2019 im Pariser Garde de Lyon in einen Zug gesetzt, um in Nizza ein neues Leben anzufangen. Unsere ersten Monate in unserer Stadtwohnung nahe am Meer waren wie ein Traum!

Ausbruch aus dem Corona-Gefängnis

Dann aber kam Corona. Für uns hier in Frankreich bedeutete das acht endlose Wochen, in denen wir die Wohnung eigentlich nur noch mit driftigem Grund verlassen durften. Da auch Parks und die Strandpromenade in dieser Zeit gesperrt waren, sahen wir acht Wochen lang nur Beton. Wir hatten viel Zeit nachzudenken. Aus diffusen Vorstellungen über die Notwendigkeit einer nachhaltigeren Lebensweise, die leider zwangsweise auch aus weniger Reisen besteht, hatte sich nach acht Wochen Ausgangssperre ein mehr oder weniger konkreter Plan entwickelt.

Schon aus praktischen Gründen wollten wir zwar ein Standbein in Nizza behalten, aber wir suchten dennoch nach einer Oase in der Natur. Wir lieben das Meer, aber die Immobilien nahe an der Küste sind für uns schon aufgrund der hohen Preise ausgeschlossen. Das Departement Alpes Maritimes hat für Naturliebhaber einiges mehr zu bieten. Denn zwischen Mittelmeer und Alpen liegen nur ein paar Kilometer.

Am 11. Mai, wenige Stunden nach der Aufhebung der Ausgangssperre, haben wir das erste Haus im Roya-Tal besichtigt. Es gefiel uns ganz gut, aber aus der Sache wurde nichts. Wir waren nicht die einzigen, die aus der Stadt flüchten wollten. Unsere Oase wartete noch auf uns. Schon am 19. Mai besuchten wir Breil-sur-Roya ein zweites Mal und schauten uns eine neue Immobilie an.

Breil-sur-Roya im Mai 2020

Wir haben uns sofort entschieden und zugesagt. Am 9. Juni haben wir den Vorvertrag unterschrieben und am 29. September 2020, also am letzten Tag unseres ersten Jahres in Nizza den Kaufvertrag.

Wie der Klimawandel uns einen Strich durch die Rechnung macht

Am Samstag, dem 3. Oktober und zufällig dem 30. Jahrestag der deutschen (und unserer europäischen) Einheit wollen wir das erste Mal in unser Haus fahren. Seitdem wir im Juni den Vorvertrag unterschrieben hatten, habe ich voller Ungeduld diesem Tag entgegengefiebert. Ich war so aufgeregt! Wochenlang habe ich mir ausgemalt, wie es wohl wäre, wenn wir drei unser Haus endlich in Besitz nehmen würden. In meinen Träumen schien natürlich die Sonne.

Meine Laune wird auch nicht getrübt als für das Wochenende Regen angesagt wird. Schließlich ist es Oktober und Herbstregen sind an der Côte d’Azur normal. Das ändert sich ein bisschen als ich mein Kind Donnerstagnachmittag von der Schule abhole und erfahre, dass am Freitag wegen eines Unwetters in Südfrankreich keine Schule stattfinden soll. Jetzt übertreiben sie aber, denke ich (fälschlicherweise!) Wenn jetzt jedes Mal bei Starkregen die Schule zugemacht wird, braucht meine Kleine im Herbst eigentlich gar nicht mehr hingehen.

Nach dem ersten Schreck rufe ich meinen Mann an. Wenn für mein Kind die 200 Meter Fußweg zu gefährlich sind, warum soll mein Mann dann 45 Minuten zur Arbeit fahren. Einen Moment überlegen wir gleich nach Breil-sur-Roya zu fahren. Regen ist in Breil schließlich normal und wir haben ein Haus. Wir verwerfen den Gedanken jedoch schnell. Man weiß ja nie.

Breil-sur-Roya liegt unten im Tal

Freitagmorgen sitzen wir alle drei zu Hause und warten auf das, was da wohl kommen wird. Über Nacht wurde für das gesamte Departement Alpes-Maritimes die Unwetterwarnstufe Rot ausgegeben. Der Grund ist das Sturmtief Alex, das vom Atlantik kommend erst die Bretagne unsicher gemacht hat und nun bei uns erwartet wird.

Sturmtief Alex bringt sintflutartige Regenfälle und eine Unwetterkatastrophe in Südfrankreich

Auf dem Satellitenbild hat Sturmtief Alex die Form eines Wirbelsturms. Es bringt kalte Luftmassen vom Nordpol. Diese stoßen bei uns auf die warmfeuchten Luftmassen, die sich im Herbst über dem Mittelmeer bilden. Da im Departement Alpes-Maritimes wenige Kilometer hinter dem Mittelmeer die Alpen beginnen, die das Weiterziehen dieser Wolken verhindern, kommt es zu sintflutartigen Regenfällen. Bereits im letzten Herbst haben wir erfahren, wie der Klimawandel dieses Phänomen verstärkt.

Wir sind trotzdem guter Dinge und warten auf das Ende des Unwetters, damit wir endlich in unser neues Haus können. In Nizza regnet es den ganzen Tag, aber ehrlich gesagt ist das Unwetter viel schwächer, als ich erwartet hatte. Zwar regnet es stundenlang, aber es hört auch öfter mal auf, der Wind ist nicht besonders stark und es blitzt noch nicht einmal. Das einzige was ich als besonders empfinde, sind die wahnsinnig schnell und niedrig vorbeiziehenden Wolkenmassen. Es sieht nicht aus als wäre ich an der Küste, sondern wie im Gebirge.

Dort wo diese Wolken hinziehen, geschieht an jenem Tag eine Katastrophe. In Frankreich sind besonders das bergige Hinterland von Nizza und Menton, genauer gesagt, das Vésubie- und das Roya-Tal – also jener Ort, an dem wir genau drei Tage vorher ein Haus gekauft haben – betroffen.

Innerhalb von 10 Stunden fallen dort an einigen Orten wie Saint-Martin-Vésubie bis zu 500 Millimeter Regen. Das sind 500 Liter pro Quadratmeter, also in etwa die Menge, die in Berlin in einem Jahr fällt. In Breil-sur-Roya sind es immerhin noch 280 Millimeter. Auf dem Weg ins Tal verwandelt das Wasser Gebirgsflüsse in reißende Ströme, die alles mitreißen, das sich ihnen in den Weg stellt. Selbst sonst unsichtbare Rinnsale werden zu gefährlichen Flüssen. Mit dem Wasser kommt der Schlamm, der zumindest im Zentrum von Breil-sur-Roya alles unter sich begräbt.

Aus Vorfreude wird Entsetzen

Ehrlich gesagt, frage ich mich in jener Nacht und den Tagen danach öfter, womit wir das verdient haben. Das darf doch wohl alles nicht wahr sein. Ich weiß ja, dass der Klimawandel die Mittelmeerregion besonders hart trifft, aber hätte er uns nicht noch ein paar Monate Zeit geben können.

Der Strand von Nizza am Tag nach der Unwetterkatastrophe in Südfrankreich
Das war mal eine Strandbar

Umso später es an jenem Freitag wird, desto mehr hänge ich vor meinem Computer, um alle verfügbaren Informationen über die Unwetterkatastrophe in Südfrankreich zu erfahren. Schon in der Nacht gibt es mehrere Vermisste. Zwei Gendarmen, die in ihrem Auto abtreiben und ein altes Ehepaar, deren Haus vor der Linse einer Kamera von den Fluten weggerissen wird.

Am Abend sehe ich auch ein Video von Sébastien Olharan auf Facebook. Olharan ist seit den Kommunalwahlen in diesem Jahr der Bürgermeister von Breil-sur-Roya und mit seinen 26 Jahren sicher einer der jüngste Bürgermeister von Frankreich.

In dem Video spricht er den Bürgern von Breil-sur-Roya Mut zu und ermahnt sie zu Hause zu bleiben. Er sieht ängstlich aus. Gegen 23 Uhr verschickt er einen letzten Aufruf an die Bewohner von Breil-sur-Roya unbedingt im Haus zu bleiben. Danach bleibt sein Account stumm. Als die Nachrichten melden, dass auch in Breil ein Haus von den Fluten weggerissen wurde, gehe ich, relativ verzweifelt, ins Bett.

Chaos am Tag nach der Unwetterkatastrophe in Südfrankreich

Am nächsten Tag scheint in Nizza die Sonne. Aber ein kurzer Blick ins Internet macht schnell deutlich, dass unser lange ersehnter erster Tag im neuen Haus wohl an jenem Samstag nicht stattfinden wird. Alle drei Zufahrtsstraßen nach Breil-sur-Roya sind gesperrt. Später erfahren wir, dass zwei der Straßen auch stark zerstört sind.

An jenem von uns lange herbeigesehnten Samstag wissen wir noch nicht einmal, ob unser Haus noch steht. Hunderte Häuser im Hinterland von Nizza wurden von den Wassermassen verschlungen. Mehr Informationen über das Roya-Tal gibt es nicht. Lange überlegen wir im Rathaus anzurufen, um uns über die Situation zu erkunden.

Wellen am Strand vom Nizza
Diese Welle ist so hoch, dass ich ängstlich schaue, wie hoch die Brücke ist, auf der ich stehe

Später erfahren wir, dass derartige Versuche sowieso sinnlos gewesen wären. Denn im gesamten Tal gibt es aufgrund der Unwetterkatastrophe in Südfrankreich weder Strom noch Telefonnetz. Aus dem Vésubie-Tal bekommt man etwas mehr Informationen und sieht die ersten katastrophalen Bilder. Tatsächlich werden sich die Bewohner des Roya-Tals später beklagen, dass sie in den ersten 24 Stunden völlig isoliert waren und keinerlei Hilfe bekamen.

Wir verbringen den Samstag ziemlich deprimiert, kaufen uns etwas Schönes zu essen und gehen schließlich ans Meer, wo wir die hohen Wellen bewundern, die das erste Treibgut, welches aus den Dörfern über die Flüsse ins Meer gelangt ist, wieder an die Strände spülen. Später sind einige Strände der Region wie Saint-Laurent-du-Var komplett mit Treibgut überschwemmt, so dass man das Wasser nicht mehr sieht.

Diesen riesigen Baumstamm hat das Meer angespült. Heute, zwei Wochen später, sind es noch viel mehr.

Unsere Fahrt ins Katastrophengebiet in unser neues Haus im Roya-Tal

Sonntagmorgen haben wir die Gewissheit, dass die Dörfer im Roya-Tal weder Trinkwasser, noch Elektrizität, noch Telefonnetze besitzen. Alle sind komplett von der Außenwelt abgeschnitten, bis auf eines! Eine Straße nach Breil-sur-Roya wurde wieder freigegeben. Das lesen wir gegen halb elf in der Zeitung.

Wir überlegen einige Zeit was wir machen. Denn es gibt keine Möglichkeit mehr über die Situation vor Ort zu erfahren. Wir scheuen uns davor, eine extra eingerichtete Notrufnummer zu wählen. Schließlich handelt es sich bei uns nicht um einen Notfall. Wir diskutieren, streiten auch. Einerseits wollen wir unser Kind nicht in Gefahr bringen, andererseits müssen wir doch wenigstens mal schauen, ob das Haus noch steht. Ob es noch ein Dach hat oder Fenster. Am nächsten Wochenende soll es wieder regnen. Wenn unser Haus Schäden hat, sollten wir vielleicht schnell etwas dagegen machen.

Schließlich entscheiden wir uns loszufahren. Wenn wir während der Fahrt den geringsten Zweifel bekommen, kehren wir einfach wieder um. Wir kaufen noch schnell etwas Proviant und 12 Liter Wasser und dann geht es los. Eine Stunde dauert die Fahrt. Der Großteil der Strecke führt über eine sich in die Alpen schlängelnde Bergstraße.

Wir wundern uns über den guten Zustand von Straße und Landschaft. Lange ist von einer Unwetterkatastrophe nichts zu sehen. Erst am letzten Pass, der ins Roya-Tal führt, ändert sich das Bild. Abgeknickte Bäume säumen die Straße. Schließlich erreichen wir den Weg, in dem unser Haus liegt. Wir müssen die Straße verlassen und etwa einen Kilometer lang über eine nicht asphaltierte Piste fahren. Ein Auto kommt uns entgegen. Das ist gut. Denn groß war meine Angst, dass dieses letzte Straßenstück nicht mehr befahrbar ist oder dass wir uns, wenn wir es befahren, in Gefahr begeben.

Es ist noch da!

Schließlich sehe ich unser Haus in der Ferne. Das Dach ist noch da! Mein Herz mach einen Luftsprung der Erleichterung. Die letzten 20 Meter zu unserem Hause sind offenbar nicht mehr befahrbar. Auf der Straße stehen Leute. Einer davon ist offenbar ein Nachbar. Wir steigen aus dem Auto und stellen uns vor. Der Nachbar ist für die Gegend ausgesprochen groß und kräftig und ich sehe nur seine riesigen Hände. Er lächelt nicht, ist aber sehr freundlich.

Ich müsse keine Angst habe, sagt er. Er sei ja da. Wenn wir Hilfe bräuchten, wäre er bereit. Unser Nachbar erzählt uns, dass sich während des Unwetters aus einem kleinen Rinnsal ein riesiger Flusslauf in der Nähe seines Hauses gebildet hat. Wir schauen in die Richtung, in die er zeigt und tatsächlich. Knapp 100 Meter von unserem Haus entfernt, befindet sich jetzt ein Flussbett.

Das neu entstandene Flussbett

Unser Nachbar meint, dass wir auch einige Schäden haben und dass er uns zu unserem Haus begleiten kann. Glücklicherweise zeigt er uns dann nur ein paar Schäden am Terrain. Das Haus scheint – HURRA!!- in Ordnung zu sein. Wir begutachten Zimmer für Zimmer. Alles scheint trocken und noch an dem Platz zu sein, an der wir es das letzte Mal gesehen haben. Natürlich haben wir auch so einige Schäden. Wie alle hier. Aber sie bedeuten keine unlösbaren Probleme, sondern nur viel Arbeit. Hier oben scheint Sturmtief Alex weniger Verwüstungen hinterlassen zu haben als unten im Tal.

Ein etwas anderer Einzug

Es dauert noch eine halbe Stunde, dann höre ich auch auf zu zittern. Für unser Kind gibt es eine Einzugsüberraschung, ich fange an zu putzen und mein Mann schaut sich im Garten um und beginnt kleine Schäden zu reparieren. Mein Kind spielt erst mal am Wasserhahn rum und wir stellen erstaunt fest, dass wir Wasser haben. Später werden wir erfahren, dass sie die Leitungen kurzfristig repariert haben, aber dass dieses Wasser aus Quellen stammt und nicht getrunken werden darf. Nachdem ich einige Zeit putze, geht sogar das Licht an. Wir haben Strom!

Willkommen in Breil-sur-Roya

Nach einiger Zeit kommt ein weiterer Nachbar zu uns. Er ist jünger als der erste, den wir kennengelernt haben und hat zwei Kinder. Unser Nachbar erzählt uns, dass mehrere Familien aus Mangel an Trinkwasser und Essbaren in den letzten Tagen damit begonnen hätten, zusammen zu essen. Ob wir nicht auch dazu kommen wollen. Dann würden wir gleich alle Nachbarn kennenlernen. Obwohl wir nicht geplant hatten, zu bleiben bis es dunkel wird, sagen wir zu. So eine Gelegenheit kann man sich wohl nicht entgehen lassen.

Breil-sur-Roya eine Woche nach der Unwetterkatastrophe in Südfrankreich

Unser Nachbar spricht uns lächelnd darauf an, dass wir das Haus ja erst vor ein paar Tagen gekauft hätten und gleich diese Katastrophe miterleben müssten. Aber eines könnten wir gewiss sein. Jetzt kann es nur noch besser werden!

Er erzählt, dass er heute den ganzen Tag bei seinen Eltern war, die unten in Breil-sur-Roya leben. Die Brücke vor ihrem Haus sei weggebrochen und sie hätten keinen Zugang mehr. Ein paar Tage nach unserem Gespräch sehe ich meinen Nachbarn im Fernsehen und begreife, was er mir da erzählt hat. Breil liegt auf der einen Seite der Roya und nur ein kleiner Teil der Bewohner wohnt auf der gegenüberliegenden.

In den Tagen nach der Unwetterkatastrophe waren die Brücken über den Fluss weggebrochen oder nicht mehr passierbar und die Menschen auf der einen Flussseite völlig isoliert. Im Fernsehen sehe ich, wie mein Nachbar ein Seil über den Fluss gespannt hat. An diesem Seil befestigt er einen kleinen Eimer, mit dem er Medikamente für seine Mutter und Trinkwasser über die Roya transportiert. Er lächelt.

Auch während unseres Gesprächs lächelt unser Nachbar die ganze Zeit bis er sich schließlich verabschiedet. Wenn wir etwas bräuchten, sollten wir es ihm sagen.

Tragödien und erschütternde Geschichten durch die Unwetterkatastrophe in Südfrankreich

Wir putzen weiter. Bis zum Essen um 19 Uhr haben wir noch eine Weile. Irgendwann kommt ein weiterer Nachbar. Er und seine Frau sind jene, zu denen wir eingeladen sind. Unser Nachbar schaut nachdenklich, hat aber einen wunderschönen italienischen Akzent. Er erzählt uns, dass die Familie des Nachbarn, der uns kurz zuvor eingeladen hat ihre Pläne geändert hätte und am Abend nicht kommen würde. Seiner Frau ginge es nicht gut, da sie sich so sehr um ihre Mutter sorge.

Unser Nachbar erzählt, dass seine Frau ihn geschickt hat, damit wir unser Kommen am Abend bestätigen. Wir tun dies ein weiteres Mal, auch wenn wir unsicher sind. Ich bin total gerührt, wie viele unserer Nachbarn uns sofort begrüßen kommen und wie unglaublich freundlich sie uns trotz dieser Katastrophe empfangen. Dabei haben sie so viele andere Sorgen.

Schließlich ist es 19 Uhr und wir gehen zu unseren neuen Nachbarn. Wieder regnet es, überall fließt Wasser, aber es sind nur ein paar Schritte bis zu ihrem Haus. Drinnen sind zwei Familien. Der Nachbar, der gerade noch bei uns war, wohnt hier mit seiner Frau, seiner Tochter, einem Hund und einer Katze. Die andere Familie hat zwei Kinder, eine Tochter im Teenageralter und einen kleineren Sohn. Alle strahlen uns neugierig an.

Folgen der Unwetterkatastrophe in Südfrankreich

Unser Nachbar erzählt, dass er in der Nacht des Unwetters unten in Breil-sur-Roya war. Wie die meisten Autos im Ort, wurde auch seines von den Fluten überrollt. Da das Telefon nicht mehr funktionierte und er sich solche Sorgen um seine Familie machte, ließ er sich im Auto eines Bekannten mit nach oben nehmen. Das letzte Stück ist er gelaufen.

Seine Frau telefoniert ziemlich lange mit dem Telefon der Teenager-Tochter, dem vermutlich einzigen Telefon, das in der Siedlung noch funktioniert. Sie ist eine schöne Frau, hat wie ihr Mann mit italienischen Wurzeln, aber die Sorgen stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Später erfahre ich, dass ihre Mutter bei der Unwetterkatastrophe ihr Haus verloren hat, das unten in Breil-sur-Roya steht. Sie hätte wirklich anderes zu tun als uns zum Essen einzuladen. Aber sie tut es trotzdem.

Überwältigende Herzlichkeit und Solidarität

Unsere Nachbarin sagt, dass das Wichtigste ist, dass sie alle zusammen sind und wir, wir sollen uns von der Katastrophe nicht entmutigen lassen. Immer wieder fragen beide, ob wir etwas bräuchten, wir sollten nicht zögern, es zu sagen.

Dann beginnt die andere Familie zu erzählen. Sie haben ein Haus am neu entstandenen Flussbett, das sie nicht mehr betreten dürfen. Sie wissen nicht, ob sie eines Tages zurückkehren können oder ob das Haus in sich zusammenfallen wird.

Folgen der Unwetterkatastrophe in Südfrankreich
Dieselbe Perspektive im Mai

Dann sprechen unsere Nachbarn über den nächsten Tag. Denn fast alle fahren jeden Tag nach Breil-sur-Roya, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen.

Wir essen Burger, trinken Pastis und später Rotwein und unterhalten uns. Ein paar Minuten ist es so, als wäre nichts geschehen. Unsere Kinder spielen miteinander bis wir schließlich aufbrechen. Wir müssen schließlich noch zurück nach Nizza. Obwohl hier das Telefon nicht funktioniert, tauschen wir schon einmal Nummern aus. Zum Abschied sagen wir bis bald.

An jenem Abend bin ich ganz überwältigt von so viel Gastfreundschaft, Optimismus und Lebensfreude. Heute, zwei Wochen nach der Unwetterkatastrophe in Südfrankreich, bin ich es noch immer. Ich versuche mir daran ein Beispiel zu nehmen und die Zukunft positiv zu sehen. Gelingen tut es mir nicht immer.

Bilanz der Unwetterkatastrophe in Südfrankreich: „Schlimmere Verwüstung, als nach dem 2. Weltkrieg“

In den Tagen nach der Unwetterkatastrophe in Südfrankreich wird das wahre Ausmaß der Verwüstung, die Sturmtief Alex angerichtet, hat deutlich. Die Bewohner sprechen von apokalyptischen Zuständen, von einem Hochwasser, das niemand in den betroffenen Gebieten, auch nicht die Alten, zu Lebzeiten je erlebt haben. Immer wieder werden die Schäden mit denen eines Bombardements verglichen und man hört die Feststellung, dass sie größer sind als nach dem 2. Weltkrieg.

So schön sah es hier noch im Mai aus

Zwei Wochen nach der Unwetterkatastrophe in Südfrankreich spricht man von 5 Toten und 13 Vermissten. Allerdings erweist sich die Identifizierung der Toten als besonders schwierig. Denn während des Unwetters wurden zwei Friedhöfe in Saint-Martin-Vésubie und Saint-Dalmas-de-Tende zerstört. 400 Gräber wurden freigelegt, weggeschwemmt und in den Flüssen kilometerweit fortgetragen. Nun werden immer wieder Leichen an die französische, monegassische und italienische Küste gespült. Eines der Opfer der Unwetterkatastrophe, das in Breil-sur-Roya auf tragische Weise sein Leben verlor, wurde in mehr als 60 Kilometer Entfernung am Flughafen von Nizza gefunden.

Allein in Südfrankreich hat Sturmtief Alex Schäden angerichtet, die auf 1,5 Milliarden Euro geschätzt werden. Die Infrastruktur in den beiden Tälern ist völlig kaputt. Viele Straßen zwischen den Dörfern sind durch Erdrutsche und Brückeneinstürze komplett zerstört. Insgesamt müssen 70 Kilometer Straße neu gebaut werden. Allein im Roya-Tal wurden 11 Brücken von den Fluten mitgerissen.

Noch zwei Wochen nach dem Unglück, gibt es Orte wie Tende und La Brigue, die komplett von der Außenwelt abgeschnitten und nur mit dem Hubschrauber erreichbar sind. Viele hundert Menschen wurden aus den Tälern evakuiert. Mehr als 2000 Gebäude sind beschädigt. Etwa 400 werden als unbewohnbar eingestuft.

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16 Kommentare

Nicole 18. Oktober 2020 - 11:12

Ein sehr bewegender Beitrag, der mich sehr berührt hat! Ich habe in 13 Jahren, in denen ich im Var lebte, einige Naturkatastrophen erlebt. Feuer, Unwetter, Überschwemmungen.
Zum Glück waren wir nie direkt betroffen, aber auch bei uns im Dorf war der Zusammenhalt und die Solidarität in diesen schweren Momenten untereinander groß. Ich wünsche Euch für Euren Traum und Euer Haus alles Gute! Liebe Grüße Nicole

Reply
Feli 19. Oktober 2020 - 19:31

Liebe Nicole,
vielen Dank für deinen Kommentar! Ja ich schätze die Mentalität der Menschen hier sehr. Warum habt ihr den Var den verlassen?

Viele Grüße
Feli

Reply
Ines-Bianca 18. Oktober 2020 - 12:48

Liebe Feli,
meine Güte, ich hatte direkt an euch denken müssen, als ich von dem Unwetter hörte.
So viel Unheil … aber auch so viel Solidarität – das ist schön zu hören.
Ich bin mir sicher, dass ihr alle gemeinsam es schaffen werdet, bald wieder Ordnung in das Chaos zu bringen … aber die Gefahr weiterer Unwetter wird euch wohl begleiten, solange der Klimawandel, den es laut Ansicht mancher Menschen ja angeblich gar nicht gibt 🙁 weiter voranschreitet. Deshalb ist dein persönlicher Erfahrungsbericht so wichtig, denn das ist eine Botschaft, die man nicht so schnell vergisst …
Ich wünsche euch alles Glück dieser Welt, dass es jetzt erstmal ruhig bleibt und ihr euren Haustraum leben könnt!
Ines-Bianca

Reply
Feli 19. Oktober 2020 - 19:34

Liebe Ines-Bianca,
Vielen Dank für deine lieben Grüße!
Ich habe den Eindruck, dass egal wo ich hingehe, der Klimawandel über mich herfällt :-). Man spührt ihn so sehr hier in Frankreich.
Unsere Terrasse steht übrigens noch und wartet auf euch 🙂

Liebe Grüße
Feli

Reply
Marina 18. Oktober 2020 - 15:09

Danke für den Beitrag, toll!!! Leider bekommt man keine Information mehr und die Katastrophe und die Leute werden vergessen. Das Video vom alten Ehepaar auf dem Dach kann ich nicht vergessen. Ich wünsche Euch alles Gute.

Reply
Feli 19. Oktober 2020 - 19:37

Liebe Marina!

Das kann ich gut verstehen, dass das Video noch in deinem Kopf ist. Bei mir ist es auch so.
Es ist schade, dass das Thema nicht mehr in den Medien ist, wo sogar noch ORte von der Außenwelt abgeschnitten sind!
Lebst du in Cannes?

Viele Grüße
Feli

Reply
GabrielaAufReisen 18. Oktober 2020 - 15:56

Was für ein Beginn eines neuen Lebensabschnitts! Wie schön aber, dass euch die Nachbarn gleich so nett empfangen haben. Ich wünsche euch alles erdenklich Gute und dass ihr so ein Erlebnis nie mehr haben möget.
Liebe Grüße
Gabriela

Reply
Feli 19. Oktober 2020 - 19:39

Liebe Gabriela,
vielen Dank für deine lieben Wünsche! Ja so werden wir unseren Einzug wenigstens nicht vergessen 🙂 ICh bin aber auch genervt, dass ein so einzigartiges EReignis so zerstört wird. Das nächste Unwetter lässt hoffentlich noch etwas auf sich warten.

Viele Grüße
Feli

Reply
Gabi Helbig 18. Oktober 2020 - 18:49

Ein sehr berührender Beitrag. Ich wünsche Euch viele gute, von Freundschaft und Solidarität erfüllte Jahre in Eurem neuen Haus!

Reply
Feli 19. Oktober 2020 - 20:27

Liebe Gabi,
vielen Dank fürs Lesen und deine lieben Wünsche!

Viele Grüße
Feli

Reply
Karl-Heinz Stabel 18. Oktober 2020 - 20:47

Ein beeindruckender und gleichzeitig schockierender Bericht. Hoffe mal, dass der französische Staat hier den Opfern hilft. Ich wünsche Euch eine zukünftig schöne Zeit in Eurem Haus und dass so etwas nicht mehr passiert. Eines habt Ihr ja mit Sicherheit, sehr sehr freundliche Nachbarn mit großer Hilfsbereitschaft. Solche Freundschaften sind Gold wert. Alles Liebe und Gute Euch und zukünftige schöne Tage im Haus.

Reply
Feli 19. Oktober 2020 - 20:39

Hallo Karl-Heinz,
vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Bisher sieht es so aus, als würde der Staat sicherstellen, dass die, die alles verloren haben, auf 80 Prozent Entschädigung hoffen dürfen. Macron hat außerdem versprochen, genug Geld bereitzustellen, dass Brücken, Straßen und das Schienennetz wieder aufgebaut wird. Mal schauen, ob das auch passiert! Wir werden sehen.

Liebe Grüße
Feli

Reply
Max Stockhammer 19. Oktober 2020 - 13:00

Sehr authentischer und emphatischer Erzählung des Schicksals über die Flutkatastrophe betroffenen Menschen die durch das Phänomen mediterrienne ausgelöst wurde und das immer häufiger an der Mittelmeer Küste auftritt. Sicher eine Folge des Klimawandels, bei der sich im Herbst die Luft über dem sehr warmen Mittelmeer mit Wasser vollsaugt, und beim Aufstieg über den Bergen abkühlt und abregnet. Weiter westlich nennt es sich Phänomen oder episode cevenol, bei dem sich die Wolken an den Cevennen stauen, und unsere Region vallée des Baux nahe dem östlichen Seite der Rhône wird regelmäßig Zeuge der Überschwemmungen der Nebenflüsse der Rhône wie z. B. Gardon. In (schlechter) Erinnerung haben wir noch die Jahrhundertflut der Rhône und Nebenflüsse, bei der dann weite Teile Arles meterhoch unter Wasser standen. Euch viel Kraft beim Wiederaufbau eures „neuen“ Heimatdorfes. Gott sei Dank hält sich der materielle Schaden meistens in Grenzen, da der frz. Staat recht schnell das Unwetter zur cathastrophe naturelle erklärt hat und die Geschädigten von ihrer Versicherungen mit Entschädigungen rechnen können. Was bleibt sind die menschlichen Schicksale, auch wir haben immer noch das Bild des alten Paares vor den Augen, im 1. Stock ihres Hauses stehend auf Rettung wartend, bevor sie mitsamt dem Haus von den Wassermassen weggerissen wurden.

Reply
Feli 19. Oktober 2020 - 20:53

Hallo Max,
Vielen Dank für deinen Kommentar und deine lobenden Worte!
Deine ERfahrungen mit den Entschädigungszahlungen machen ja Hoffnung! Ich denke auch, dass wir uns in Zukunft wohl daran gewöhnen müssen, dass das öfter passiert. Diese starken mediterranen Episoden sind leider eine Folge des Klimawandels!

Viele Grüße
Feli

Reply
Jürgen 21. Oktober 2020 - 17:59

Oje:-(

Nachdem ich über das Unwetter auf Deiner Insta-Seite erfahren haben, habe ich deinen Bericht hier noch gelesen.

Schlimm

Und leider wohl keine Ausnahme für die kommenden Jahre.

Aber auch eine schöne Schilderung von Solidarität und NAchbarschaft.

Ganz liebe Grüsse aus Südhessen
Jürgen

Reply
Feli 22. Oktober 2020 - 17:37

Hallo Jürgen,
vielen Dank für deinen Kommentar! So ein Unwetter gibt es hoffentlich nicht jedes Jahr!
Viele liebe Grüße nach Südhessen,
Feli

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