Das französische Gesundheitssystem – Werde bloß nicht krank!

by Feli
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Eine kleine Polemik zur medizinischen Versorgung im Großraum Paris

Das französische Gesundheitssystem basiert auf der französischen Verfassung, die die medizinische Versorgung der Bevölkerung garantiert. Allerdings erweist es sich im Notfall als geradezu unmöglich, im Großraum Paris einen bezahlbaren, halbwegs fähigen Arzt zu finden.

Plötzlich krank!

Ich war am Wochenende krank. In der Nacht zu Samstag bekam ich Schüttelfrost und starkes Fieber. Samstagnacht stieg es bis auf 40 Grad. Deshalb habe ich mich am Sonntagvormittag auf die Suche nach einem Arzt begeben.

Wenn man in Frankreich einen Arzt braucht, sucht man ihn in vielen Fällen auf einem dafür geschaffenen, bekannten Internetportal. Dort werden Ärzte nach Fachrichtung, Praxissitz und freien Terminen aufgelistet. Außerdem erfährt man, welchen Preis man für die Behandlung zu zahlen hat.

Das französische Gesundheitssystem

Das französische Gesundheitssystem basiert auf der sogenannten Sécurité sociale, der gesetzlichen Krankenversicherung, von der jeder profitiert, der sich längere Zeit in Frankreich aufhält. Viele Franzosen sind überzeugt davon, dass die Sécurité sociale in ihrem Umfang einzigartig auf der Welt ist. Allerdings handelt es sich nur um eine Grundversorgung. Deshalb basiert das französische Gesundheitssystem außerdem auf den sogenannten Mutuelles, den Zusatzversicherungen, die die meisten Franzosen in Anspruch nehmen.

Ärzte werden in Frankreich direkt im Anschluss an die Behandlung bezahlt. Die Höhe des Honorars richtet sich nach dem Sektor, dem der Arzt angehört. Ärzte, die zum Sektor 1 gehören, bilden ihre Tarife auf der Basis der Sozialversicherung, die dann 70 Prozent des Honorars übernimmt. Bei einem Allgemeinmediziner sind das 16,50 von 25 Euro. Diese werden dem Patienten einige Zeit nach dem Arztbesuch erstattet, je nach Zusatzversicherung auch noch mehr. Erst einmal muss der Patient jedoch den vollen Betrag zahlen.

Ärzte, die zu Sektor 2 gehören, nehmen ein höheres Honorar. Die Sozialversicherung erstattet aber (warum auch immer) weniger. Für meinen Gynäkologen beispielsweise bezahle ich pro Termin 100 Euro.

Der Mangel an bezahlbaren Ärzten

Das Problem: Es gibt viel zu wenig Ärzte und noch weniger, die dem 1. Sektor angehören. Das merkt man besonders, wenn man einmal dringend und schnell einen Arzt braucht. Das dumme an Krankheiten ist ja, dass sie sich gerne einmal spontan einschleichen und sich nicht zwei Monate vorher anmelden.

Wenn man nicht zufällig einen Arzt hat, zu dem man seit Jahren geht, weil man nie umgezogen ist und es auch sonst cool findet, zum Arzt zu gehen, ist es quasi unmöglich einen Termin bei einem halbwegs fähigen Mediziner zu bekommen. Denn die meisten Ärzte nehmen nur Patienten, die sie schon kennen, obwohl sie eigentlich freie Termine haben. Nun gehe ich wie die meisten relativ jungen Menschen nur im absoluten Notfall zum Arzt.

Im Notfall gibt es aber keinen Arzt, wenn man von zwei Ausnahmen absieht: Ärzte, die entweder aufgrund ihrer katastrophalen Reputation keine Patienten haben oder sehr junge, völlig unerfahrene und meist auch unwissende Anfänger. Diese Jungärzte übernehmen die Sprechstunden erfahrener Ärzte, wenn die keine Zeit haben, und sind besonders oft in der Notfallversorgung am Wochenende oder an Feiertagen zu finden.

Ein sinnloser aber teurer Besuch beim Augenarzt

Vor einiger Zeit hatte ich eine stark geschwollene Entzündung am Auge und suchte deshalb einen Augenarzt auf. Da mein Kind zu dieser Zeit noch nicht in die Krippe ging, war ich zeitlich auch eingeschränkt, denn es ist quasi unmöglich für eine Frau mit einem noch nicht laufenden Kind mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Paris zu fahren. Der einzige Augenarzt, den ich fand, nahm 90 Euro. Es handelte sich um einen Jungarzt, der in einer extrem stylischen Pariser Praxis die Vertretung übernommen hatte. Er nahm sich viel Zeit für mich, war aber mit der Diagnose total überfordert. Er diagnostizierte eine allergische Reaktion, eine Bindehautentzündung und eine mechanische Verletzung. Alles drei.

Einen Tag später kam meine Mutter zu Besuch. Ich öffnete die Tür und ihr erster Satz war: Du hast ein Gerstenkorn. Sie hatte Recht.

Mein Besuch beim Allgemeinmediziner

Aber ich bin abgeschweift. Wie bereits erwähnt habe ich mich am Sonntagmorgen -noch fiebernd- auf die Suche nach einem Allgemeinmediziner begeben. Schließlich habe ich mich für einen Vertretungsarzt in einer von mir bereits besuchten Gemeinschaftspraxis entschieden.

Ich war schon vor einiger Zeit in dieser Praxis, ebenfalls bei einer Vertretung, die mir damals erklärte, ich könnte nun je nach Wochentag zu jedem Arzt der Praxis gehen. Als ich nun einen Termin bei jenem Arzt buchen wollte, den die damalige Jungärztin vertreten hatte, wies mich das System dreimal darauf hin, dass er mich nicht behandeln würde, wenn ich nicht schon einmal bei ihm war. 40 Grad Fieber hin oder her. Mich hat dann der Mut verlassen und ich habe einen Termin bei einem anderen Vertretungsarzt in jener Praxis gebucht.

In der Praxis

Am Montag war das Fieber weg. Ich ging natürlich trotzdem zum Arzt. Als ich dann am Montagnachmittag in der Praxis ankam, war diese voll. Allerdings wollten die ganzen Leute nicht zu dem Vertretungsarzt, sondern zu jenem, der keine neuen Patienten mehr nahm. So kam ich auch schnell dran.

Im Sprechzimmer erläuterte ich meinen Krankheitsverlauf und erwähne, dass es theoretisch möglich wäre, dass es sich bei dem Fieber um Malaria handelt, da ich ja im Dezember in Thailand war. Der Arzt fragte mich vorwurfsvoll, ob ich denn keine Malariaprophylaxe genommen hätte. Ich verteidigte mich, dass das in Thailand nicht üblich sei.

Nachdem er meine Lunge abgehört und meinen Blutdruck gemessen hatte, erklärte mir der Arzt, dass in Frankreich gerade so viele Viren grassieren würden. Man wisse nicht, was es gewesen sei. Aber das Fieber wäre ja gut gewesen und ein Zeichen, dass mein Immunsystem funktionieren würde. Außerdem erklärte mir der Arzt, dass es hilfreich sei, sich regelmäßig die Hände zu waschen.

Er hat wohl keine Kinder. Wie meine dauerverrotzte Zweijährige wohl reagiert, wenn ich ihr erkläre, dass sie sich jedes Mal die Hände waschen muss, bevor sie sich Mama nähern darf.

Spaß beiseite. Es handelt sich ja um eine wichtige Lebensweisheit, die eigentlich schon jede Zweijährige beherrschen sollte. Eines ihrer derzeitigen Lieblingslieder geht auch wirklich so: Hände waschen, Hände waschen, das kann jedes Kind…

Wieder zurück zu meinem Arztbesuch. Der Arzt hat mir schließlich Paracetamol verschrieben, also ein auch in Deutschland sehr populäres Schmerzmittel, welches für gewöhnlich benutzt wird, um das Fieber zu senken. Ich sollte es aber nicht gegen das Fieber einsetzen, sondern gegen die Magenschmerzen, die mich immer noch plagten. 3 Mal täglich ein Gramm. Wie soll ich sagen: eine ziemlich hohe Dosis!

Ich war etwas perplex. Wenn man einmal in Frankreich entbunden hat, weiß man, dass Franzosen große Angst vor Schmerzen haben, aber es erstaunt mich immer wieder.

Der Arzt wollte außerdem, dass ich mich auf Malaria testen lasse. Damit war für ihn die Sache erledigt. Preis: 32 Euro.

Auf ins Labor!

Beim Herausgehen wies er mich noch einmal darauf hin, dass ich doch sofort, noch am selben Abend, wegen des Malariaverdachts Blut abnehmen lassen soll, damit wir auf der sicheren Seite sind. Mit ein bisschen mehr Fachwissen, hätte er gewusst, dass solche Bluttests nur morgens durchgeführt werden und dass man dafür durch die halbe Stadt fahren muss.

Grundsätzlich ist das in Frankreich so. Wenn aus welchem Grund auch immer eine Blutanalyse notwendig ist, wird die Blutabnahme nicht durch den Arzt durchgeführt, sondern man muss dafür mit dem Rezept des Arztes in ein auf Blutabnahmen spezialisiertes Labor gehen. Dort wird einem das Blut abgenommen. Warum man der Meinung ist, dass französische Ärzte nicht imstande sind, Blut abzunehmen, habe ich bis heute nicht verstanden.

Der Malariatest war übrigens negativ. Die Dame im Labor war auch etwa erstaunt darüber, dass der Arzt nicht nach anderen Ursachen für das Fieber suchen wollte. Ich selbst kann nur hoffen, dass es nicht wiederkommt. Denn einen besseren Arzt gibt es nicht für mich oder ich kann ihn mir nicht leisten. Es ist mir auch ein Rätsel, warum das französische Gesundheitssystem nicht auf der Agenda der Gelbwesten steht. Ich finde den Zugang zu medizinischer Versorgung wichtiger als zum Diesel…

Alternative Krankenhaus

Ich habe einige Freunde mit Migrationshintergrund, die lösen das Problem, indem sie jedes Mal bei einem „Notfall“ ins Krankenhaus gehen. Ich habe das immer belächelt und kritisiert, denn die Notaufnahmen sollten ja eigentlich für Ernstfälle reserviert bleiben. Aber eigentlich haben sie recht. Zwar wartet man in der Notaufnahme ewig, aber dafür kriegt man irgendwann jemanden zu Gesicht, der etwas von seinem Handwerk versteht. Außerdem ist es umsonst.

Nächstes Mal (wenn das Fieber aus meinem Kopf raus ist) geht es hier hoffentlich wieder positiver und sachlicher zu! Was hältst du vom französischen Gesundheitssystem? Oder vom deutschen?

Möchtest du mehr über die negative Seite von Paris erfahren? Dann sind folgende Beiträge sicher interessant für dich:

Bist du während deines Frankreichaufenthaltes plötzlich krank geworden und suchst Informationen Ärzten oder Apotheken. Dann wirst du hier fündig!

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11 Kommentare

Katja | Hin-Fahren 17. Februar 2019 - 22:09

Wow, das ist wirklich ein gewaltiger Unterschied zum deutschen Gesundheitssystem. Da könntest Du ja fast schon in den Zug steigen und nach Saarbrücken fahren, um dort zum Arzt zu gehen. Ich denke wir wissen in Deutschland wirklich nicht wie gut es uns geht. Ich hoffe ich kann bei unseren Frankreichbesuchen weiter auf den Arzt verzichten, denn das mit der Suche und Buchung übers Internet klingt für mich als Ausländer wirklich kompliziert. LG Katja

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Nicola 18. Februar 2019 - 10:59

Oh Mann…und ich ärgere mich manchmal über das Gesundheitssystem in Österreich. Gratuliere zu deinem tollen Blog – interessante Beiträge gemixt mit einer Portion Humor, dein Stil gefällt mir sehr. Liebe Grüße, Nicola

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Linda 7. April 2019 - 20:30

Ok. Danke, dass du meinen Eindruck bestätigt hast. Wir haben letzten Sommer dringend einen Zahnarzt auf unserer Reise durch Frankreich gesucht und ich habe mich schon gewundert, warum mein Freund (er ist Franzose) meinte Anrufen bringt nichts. Als wir dann endlich einen hatten, der ihn innerhalb von zwei Tagen dran nimmt war das Ergebnis naja. Schmerztabletten und Desinfektion. In Deutschland waren wir dann nochmals beim Zahnarzt der eine dicke Karies gefunden und die Hände über dem Kopf wegen dem Ergebnis der kieferorthopädischen Behandlung zusammen geschlagen hat. Jetzt sind wir gerade in Schweden und hier sieht es auch nicht gut aus. Wir haben uns hier auch für die Variante Notaufnahme entschieden. Ich muss dazu sagen, ich habe vor unserem Reisebeginn in einer Apotheke in Deutschland gearbeitet und viel Jammern über das Gesundheitswesen gehört, aber was wir unterwegs sehen ist echt nochmal was ganz anderes.

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Feli 8. April 2019 - 10:14

Hallo Linda,
vielen Dank für deinen Kommentar. Es gibt natürlich sehr viele gute Ärzte. Aber in manchen Gegenden ist das Zahlenverhältnis von Patienten und Ärzten so schlecht, dass man an die guten Ärzte nicht ran kommt.

Viele Grüße
Feli

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Elodie 27. Mai 2019 - 2:00

Hallo Feli,
du hattest ja wirklich kein Glück bis jetzt als Patentin in Frankreich! Was ich vom französischen Gesundheitssystem am meisten bedauere, sind die sogenannten Mutuelle – mit einer einzigen Zusatzversicherung hatte ich sowohl Zahn- als auch Augenzusatzversicherung und insgesamt war es günstiger als in Deutschland. Man hat außerdem keine Wartezeit, wenn man eine abschließt und wird trotzdem angenommen, auch wenn vorhandene „Schäden“ bestehen – ich frage mich auch, wie das langfristig funktionieren kann 😉

Die Situation in Paris und in anderen Großstädten kenne ich nicht, ich fand es aber auch extrem schwierig, in Magdeburg einen Allgemeinarzt zu finden (außerdem sind viele Assistentinnen ziemlich unfreundlich…). Wenn man einen seit Jahren hat und dann umzieht, ist es glaube ich mittlerweile überall schwer, einen Arzt zu finden – egal ob in Frankreich oder Deutschland, aber eine Stadt wie Paris ist bestimmt ein Sonderfall. Ärtze vom Sektoren 2 hatte ich zum Glück nie, ich war aber immer in Amiens zur Behandlung – Mittelgroßstadt von ca. 140000 Einwohner.

Nach zumindest meiner Erfahrung wurden mehr Leistungen von der französischen Krankenkasse als von der deutschen übernommen – ich kann z.B. noch nicht nachvollziehen, warum die Pille oder eine Spirale von der deutschen Krankenkasse nicht übernommen wird, wenn man über 18 ist. So viel zu meinem Vergleich beider Gesundheitssysteme 🙂

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Feli 27. Mai 2019 - 10:38

Hallo Elodie!

Vielen Dank für deinen Kommentar! Ja ich scheine hier in einer schwierigen Gegend zu leben und ich habe die schlechten Beispiele genannt. Natürlich bin ich auch schon guten Ärzten begegnet!

Zur Lage in Deutschland: Mit den unfreundlichen Sprechstundenhilfen hast du leider Recht. Dass in Deutschland die Pille oder die Spirale nicht von der Kasse übernommen wird, liegt meiner Meinung nach daran, dass man nicht daran interessiert ist, dass Frauen frei entscheiden können, wann sie Kinder bekommen. Es zeigt, dass Deutschland im Vergleich zu Frankreich in Sachen Emanzipation ganz schlecht da steht!

Viele Grüße
Feli

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Anaïs 10. November 2019 - 7:32

1. Man geht in Frankreich in die „Urgences“, wenn kein anderer Artz da ist. Es ist nicht wie in Deutschland nur für Notfälle gedacht. Sich erkundigen über die lokalen Usances ist meistens hilfreich! Mit Fieber ist es schon vollkommen ok. Und die Ärzten dort sind nicht so herablassend wie die Ärzte der Notfallaufnahme in Deutschland (wo es mir gesagt worden ist, ich hätte zuhause bleiben sollen und tee trinken, obwohl sie später in derselben Nacht festgestellt haben, ich hatte eine Lungenentzündung).
2. Franzosen haben sich nach langen Verzögerungen für ein schmerzfreies System entschieden. Gut so! Ich bin schwanger und will nicht dazu gezwungen werden mit Schmerzen Kinder zu gebären!
3. Das gesetzlich/privatsystem ist das totale Pendant von Ärzten mit/ohne Zusatzkosten. Und noch schlimmer: man wird in Frankreich nicht total abgewiesen, weil man nicht privat versichert ist. Man darf trotzdem zum Arzt, mit einem erhöhten Preis. In Deutschland mit der gesetzlichen Versicherung kommt man nicht mal durch.
4. Kosten für Brillen / Zähnen sind kaum erstattet in Deutschland. Da ist Frankreich deutlich besser. Die Mutuelles sind auch nicht so teuer wie die Zusätze in Deutschland.
5. Junge Ärzte in Frankreich sind nicht die jungen Ärzten von Deutschland: Ab dem 2. Jahr ihres Studiums verbringen sie die Hälfte der Zeit im Krankenhaus. Sie haben also schon 7 Jahre Erfahrung, wenn sie in einer Praxis eingestellt werden.
Und noch eine wichtige Empfehlung: Komm raus von teurem und fancy Paris: In der banlieue findest du viele fähige Ärzte für geringe Kosten.
Und wirklich: Malaria in Thailand? Und wenn Malaria hat, kann man nicht mal aufstehen. Entspann dich mal 😉

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Feli 21. November 2019 - 16:28

Hallo Anaïs!

Vielen Dank für deinen Kommentar!
Ich würde in Frankreich nur im äußersten Notfall in die Notaufnahme gehen, schon weil man bei weniger akuten Beschwerden stundenlang warten muss. Außerdem finde ich es richtig, dass es einen Ort für echte Notfälle gibt.

Ich kenne mich in den deutschen Verhältnisse nicht mehr richtig aus. Aber so weit ich mich richtig erinnere, muss ein niedergelassener Arzt in Deutschland eine Facharztausbildung machen und hat jahrelange Praxiserfahrung.

Ich habe jahrelang in einem Pariser Vorort gelebt und genau dort die beschriebenen Erfahrungen gemacht. Übrigens waren es auch eben jene französischen Ärzte aus den Vororten, die mich (ich glaube richtiger Weise) vor der Malaria in Thailand gewarnt und nach dem Urlaub zur Kontrolle geschickt haben.

Wie schön, dass du ein Kind bekommst! Ich habe auch in Frankreich entbunden und hatte wie hier üblich eine Periduralanästhesie. Trotzdem hatte ich große Schmerzen. Die meisten meiner Freundinnen übrigens auch. Es war trotzdem das schönste Erlebnis meines Lebens. Die Schmerzen gehören eben dazu. Ich wünsche dir eine wundervolle Geburt!

Viele Grüße
Feli

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Lukas 28. Juli 2020 - 13:32

Salut,
ich bin zufaellig auf diesen Beitrag gestossen und kann verstehen, dass du vieles so siehst, wie beschrieben, was jedoch eine typisch deutsche Sichtweise ist, welche ich auch von meinen Eltern kenne. Da ich selber mein gesamtes Medizinstudium und nun meine Facharztausbildung in Frankreich mache und aus einer deutschen Aerztefamilie komme und einige Praktika auch an deutschen Unikliniken absolviert habe, denke ich, dass einiges relativiert werden muss.

Franzoesische Aerzte nehmen kein Blut ab, da man nicht 6 Jahre Grundstudium + 4-6 Jahre Weiterbildung macht um dann die teuer bezahlte Arbeitszeit, welche von der Sécu (also allen Buergen) bezahlt wird, zur Blutabnahme zu verwenden. In vielen deutschen Kliniken setzt sich diese Denkweise auch durch und es werden Blutabnahmedienste gebildet, oder der PJler oder Famulant (also Student) uebernimmt solche Taetigkeiten.
Thailand zaehlt als Malariagebiet und deshalb bin ich eher verwundert, wieso man nach Thailand gehen sollte, ohne eine Prophylaxie zu nehmen. Der Bluttest fuer Malaria ist ein Frottis/Goutte-épaisse und hat nichts mit einer nuechternen Blutabnahme am Morgen zu tun, weshalb die Uhrzeit der Entnahme und ob sie gegessen oder getrunkent haben ueberhaupt keine Rolle spielt. Ich erwarte nicht, dass Leute aus dem nicht-medizinischen Sektor dies wissen sollten, erlaube mir diese Kritik allerdings, da sie sich zugetraut haben, darueber bei ihrem Arzt zu urteilen.

Zur Berrechnung der Tarife, haben sie vollkommen richtig dargestellt, dass die Sécu 16,50€ fuer den Besuch des Allgemeinmediziners Secteur 1 uebernimmt. Jedoch wird nicht der gesamte Betrag auf 25€ von der Mutuelle uebernommen sondern nur der Betrag bis 24€ und es bleibt 1€ Eigenbeteiligung fuer den Arztbesuch (ticket moderateur). Dies gilt fuer den Normalbesuch des Erwachsenen im Sécteur 1. Sécteur 1 heisst, dass ihr Arzt eine Convention mit der AM unterschrieben hat und deshalb bei der Einrichtung etc. unterstuetzt wurde und auch andere finanzielle Anreize der AM gegeben sind. Sécteur 2 sind Aerzte die nach ihrem Internat noch mindestens ein Clinicat gemacht haben und deshalb ein depassement erlaubt bekommen haben, welches jedoch nicht ueber bestimmte Tarife gehen darf. Sollte ein Arzt im Excès sein, duerfen sie beim ordre des médecins klagen. Sécteur 3 sind Aerzte, die nicht mit der AM zusammenarbeiten und bei denen man alles selbst bezahlen muss (in echt gibt es kein sécteur 3, aber vereinfacht spriht man von sécteur 3 fuer alle die kein Vertrag mit der AM haben).
Die unerfahrenen jungen Kollegen, von denen sie berichtet haben, sind entweder Interne und also in der Facharztausbildung, oder kurz nach der Facharztausbilung und machen remplacements. Solange sie noch Interne sind, laufen alle Verschreibungen ueber den Supervisor und bei Fehlverschreibungen/diagnosen ist also rechtlich der Supervisor zustaendig, der den Interne ueberwachen und ausbilden soll. Eine Dosis von Paracetamol zu 3g/24H ist vollkommen ungefaehrlich, solange sie nicht dies taeglich einnehmen. Die offizielle Verschreibungsdosis liegt bei 4g/24H mit mindestens 4 Stunden zwischen den Einnahmen von der Dosis 1g. In Deutschland wird Paracetamol kaum verschrieben, da viel auf AINS, sprich Ibuprofen, Diclofenac, Aspirine gesetzt wird, was jedoch gravierende Blutgerinnungsstoerungen, sowie Nierenschaeden hervorrufen kann und bei einer bakteriellen Infektion zu einer starken Sepsis fuehren kann. Jedes Land hat seine Lobby und in Deutschland wird der Leberschaden durch langzeitige taegliche Einnahme von 4g oder mehr von Paracetamol als schlimmer enmpfungen, als die Nebenwirkungen von AINS. In Frankreich ist dies umgekehrt. (Ein Schelm wer dabei denkt, dass dies mit Doliprane -Sanofi -France oder Aspirin -Bayer-Allemagne zusammenhaengt).
Sie koennen jederzeit in die Urgences gehen, auch wenn wir nicht sehr gluecklich sind, ueber eingewachsene Zehnnaegeln am Sonntag um 3uhr in der Nacht. Bei der Ankunft wird eh eine Triage durch die Infirmiere d’acceuil durchgefuehrt und sie muessen eben fuer unwichtiges (nach medizinischer Sicht) 8 Stunden warten. Einem Notfall nehmen sie keinen Platz weg, da diese ueber den salle de déchocage direkt behandelt werden und dann in die réa ou bloc kommen. Sollte ein nicht lebendsbedrohlicher Notfall kommen, koennen sie mitunter auch mal im Flur landen.
Fachaerzte in den Urgences bekommen sie eher selten zu Gesicht, wenn es sich um etwas banales handelt, da das Hopital Studenten ausbildet. Studenten (externes) des 3-6. Studienjahr werden hoechstwahrscheinlich ihre Aufnahme und Untersuchung machen und dies einem Assistenzarzt (Interne) vorstellen. Nur vor ihrer Entlassung muss der externe oder interne den Patienten kurz beim Chef vorstellen, der entweder einverstanden ist, und sie duerfen gehen oder eben nicht und sie persoenlich anschaut. Also die grundlegende Aussage auf fachlich bessere Aerzte zu treffen wage ich zu bezweifeln. Nebenbei arbeiten diese externe fuer 105€ pro Monat taeglich im Klinikum und bekommen fuer 24H Dienst genau 50€. Die Internes haben haeufig weit mehr als 60Stunden pro Woche zu arbeiten und Dienst ohne Ruhepause sprich bis zu 36 Stunden ohne Pause. Dabei verdienen sie 15k€ brutto im Jahr und am Ende ihrer Ausbildung 25k€ brutto. In Deutschland faengt der Assistenzarzt ohne Dienste/Nachtzuschlaege etc. bei 4600€ brutto im Monat an. Franzoesische Aerzte sind nicht schlechter oder besser als deutsche Aerzte, sondern vor allem ausgenutzt, schlecht bezahlt, ueberarbeitet und trotzdem mit viel Herzblut bei der Sache. Solange aber weder die Politik, noch die Gesellschaft dafuer Geld investieren wollen, solange kann auch der beste Arzt nicht alles perfekt machen, da ihm Geraete, Material, Personal etc. fehlt.

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Feli 29. Juli 2020 - 9:06

Hallo Lukas,
schön auch mal die andere Seite zu hören. Ich kann mir gut vorstellen, dass französische Klinikärzte zu viel arbeiten und unterbezahlt sind, aber das ist bei deutschen Klinikärzten soweit ich weiß, nicht anders. Deshalb hat Deutschland ja einen Ärztemangel.
Ich habe den Beitrag nicht geschrieben, um französische Ärzte mit deutschen zu vergleichen. Ich lebe seit fast 15 Jahren in Frankreich und kritisiere das System, in dem ich lebe. Das hat nichts mit deutscher Sichtweise zu tun. Viele meiner französischen Verwandten oder Freunde sehen es ähnlich. Mein Text ist auch etwas ironisch gemeint, das ist vielleicht nicht immer einfach zu verstehen. Nichtsdestotrotz kenne ich auch sehr viele gute Ärzte in Frankreich. Ich habe viel Respekt vor ihrer Tätigkeit und natürlich sind es Staat und Gesellschaft, die sich darüber Gedanken machen sollten, was sie von ihrem Gesundheitssystem erwarten.
Ich kann mir gut vorstellen, dass französische Ärzte kein Blut abnehmen, weil es billiger ist. Aber für den kranken Patienten ist es sehr schwierig, mehrere Adressen abklappern zu müssen.
Bei Thailandreisen raten französische Ärzte von einer Malariaprophylaxe ab, da die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken doch recht gering ist. Wir haben uns vor unserer Reise umfassend informiert und waren nicht nur bei unseren Hausärzten, sondern auch in einem speziellen Tropenmedizinischen Institut. 😊
Der Malariatest wird nicht in allen Labors und zu jeder Tageszeit durchgeführt. Das hat nichts mit Nüchternheit zu tun, sondern vermutlich wieder finanzielle Gründe. Diese Information hatten wir so von unserer (französischen) Kinderärztin und wenn ich mich recht erinnere auch von dem Labor, bei dem wir den Test schließlich durchgeführt haben.
Das mit dem Paracetamol hast du wohl falsch verstanden. Ich habe nicht geschrieben, dass ich die Dosis für gefährlich halte. Ich habe mich darüber lustig gemacht, dass dem Arzt nichts anderes einfällt, als mir bei Magenschmerzen ein starkes Fiebermittel zu verschreiben, was vermutlich nicht gegen Magenschmerzen hilft, sondern diese im Zweifelsfall noch verschlimmert.
Viele Grüße
Feli

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