Das abgebrannte Paradies: Wie die Waldbrände in Frankreich die Heimat der Griechischen Landschildkröte im Var zerstörten

by Feli
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Mitte August loderten riesige Waldbrände in Frankreich, genauer gesagt im südfranzösischen Var. Wie es der Zufall mal wieder so wollte, waren wir kurz darauf direkt in der Nähe. Denn gerade einmal 10 Kilometer von den Waldbränden in Frankreich entfernt, hatten wir schon Monate vorher einen Bungalow auf einem Campingplatz gemietet, um hier unsere Sommerferien zu verbringen.

Deshalb erfährst du in diesem etwas verspäteten Beitrag alles über die Waldbrände im Var, das Gebirge Massif des Maures, in dem sie wüteten und die Griechische Landschildkröte, die auf diesem wunderbaren Fleckchen Erde ihre Heimat hat. Du erfährst, warum die meisten Waldbrände menschengemacht sind und was der Klimawandel damit zu tun hat.

Die Waldbrände im Var

Am Abend des 16. August 2021 brach um 17 Uhr 45 nahe eines Rastplatzes mit dem Namen Sigues auf der Autobahn A 57 im südfranzösischen Departement Var ein Feuer aus. Der Rastplatz lag in der Nähe der kleinen Gemeinde Gonfaron.

Das Massif des Maures nach den Waldbränden in Frankreich. Die Bilder wurden in Grimaud aufgenommen

Innerhalb der nächsten Stunden und Tage breitete sich das Feuer weiter nach Osten bis zu dem Ort La Garde-Freinet aus. Außerdem schlug es eine Schneise in südöstlicher Richtung, die das sogenannte Massif des Maures in zwei Teile schnitt. Das Feuer breitete sich bis nach Cogolin und Grimaud aus, wo es zwei Menschen tötete.

Mehr als eine Woche lang loderten die Flammen. Sie zerstörten mehr als 7000 Hektar Wald. 10 000 Menschen mussten evakuiert werden. Zeitweise waren 1 200 Feuerwehrleute und Gendarmen im Einsatz. Erst am 23. August waren die Flammen gelöscht. Zwei Tage später fuhren wir mit gemischten Gefühlen in den Urlaub.

Der wunderschöne Var

Der Var ist ein Departement in Südfrankreich direkt am Mittelmeer. Die größte Ortschaft bildet die Stadt Toulon. Bekannter ist der Var aber vermutlich für seine malerische Landschaft und die pittoresken Ortschaften.

Wunderschöner ist der Var wie hier am Golf von Saint-Tropez

Urlaubsparadiese wie Hyères, Saint-Tropez und Fréjus liegen in dem Departement. Das von den Waldbränden im Var stark betroffene Grimaud ist vom berühmten Saint-Tropez gerade einmal 10 Kilometer entfernt.

Grimaud wird selbst gern von Touristen besucht

Im Var liegt auch das Massif des Maures, eine etwa 60 Kilometer lange Gebirgskette, die sich zwischen Hyères und Fréjus befindet und deren höchster Berg gerade einmal 780 Meter hoch ist. Der Name Massif des Maures stammt übrigens vom provenzalischen „maouro“ ab und bezieht sich auf die dunkle Erscheinung der Berge und nicht etwa auf die Sarazenen, die sich einst in der Region aufhielten. Deshalb ist die Übersetzung „Maurenmassiv“ auch eher unglücklich.

Das Naturreservat „Réserve naturelle nationale de la plaine des Maures“

Das Massif des Maures ist nicht nur bekannt für seine Schirmkiefern, Korkeichen, Kastanienbäume und Weinstöcke, sondern verfügt auch über einen außergewöhnlichen Artenreichtum.

Um diesen außergewöhnlichen Naturraum zu schützen, wurde 2009 ein Naturreservat, die sogenannte „Réserve naturelle nationale de la plaine des Maures“ gegründet. Es erstreckt sich über rund 5 300 Hektar, ist damit außergewöhnlich groß, und umfasst die Kommunen Les Mayons, Vidauban, Le Luc-en-Provence, La Garde-Freinet und Cannet-des-Maures.

Hier finden sich 89 Pflanzenarten, von denen 58 geschützt sind. Außerdem haben in dem Naturreservat 1568 Tierarten (45 Säugetier-, 170 Vogel-, 18 Reptilien-, 7 Amphibien- und 18 Fischarten sowie 1309 Arten der Wirbellosen), von denen 183 einen besonderen Schutzstatus besitzen, ein Zuhause.

Zu seinen Bewohnern zählen die Europäische Sumpfschildkröte und die Perleidechse, die mit ihren bis zu 80 Zentimetern Länge die größte Eidechsenart Europas ist und als bedroht gilt.

Die Heimat der Griechischen Landschildkröte in Südfrankreich

Das Tier, dem das Naturreservat seine Gründung überhaupt erst verdankt, ist die Griechische Landschildkröte, genauer ihre Unterart Testudo hermanni hermanni Gmelin, die im Französischen als „Hermann-Schildkröte“ bezeichnet wird.

Sie ist die einzige in Frankreich vorkommende Landschildkrötenart und steht auf der roten Liste der bedrohten Arten, die von der IUCN (International Union for Conservation of Nature) herausgegeben wird, wobei besonders die in Frankreich vorkommende Unterart als bedroht gilt. Dies ist neben anderen Faktoren vor allem auf ihre Beliebtheit als Haustier zurückzuführen.

Eine Griechische Landschildkröte

In Frankreich ist Testudo hermanni hermanni Gmelin im Var und auf Korsika zu finden. Andere Siedlungsgebiete liegen in Spanien und Italien. Die Schildkrötenart kann bis zu 25 Zentimeter lang werden und ihr gelblicher Panzer mit auffälligen dunklen Flecken bedeckt.

Die Griechische Landschildkröte hat ein erstaunliches Vermögen sich an Umweltbedingungen anzupassen. Bei Bränden oder schlechtem Wetter versteckt sie sich unter Steinen oder Baumstümpfen und kann dort, wenn nötig, mehrere Monate verharren. Dazu setzt sie ihre Körpertemperatur und damit ihren Grundumsatz herab. Dies ist auch ein Grund, warum sie manchmal über 100 Jahre alt werden kann.

Schon 1923 als man die neue Schildkrötenart gerade erst entdeckt hatte, dachte man darüber nach, für sie ein Schutzgebiet zu schaffen. Allerdings blieb es vorerst bei der Idee. Erst eine massive Bedrohung der paradiesischen Landschaft führte schließlich doch noch zum Schutz der Griechischen Landschildkröte im Massif des Maures.

So kaufte der französische Reifenhersteller Michelin in den neunziger Jahren 973 Hektar Land in dem Gebirge, um eine Teststrecke für seine Fahrzeuge zu bauen. Widerstand von Wissenschaftlern und Vereinen, der bis auf die europäische Ebene führte, bewegten den französischen Staat schließlich dazu, der Firma ein anderes Grundstück vorzuschlagen. Das ursprünglich von Michelin erworbene Gebiet ging in staatlichen Besitz über und wurde schließlich in das Naturreservat umgewandelt.

Ende im Flammenmeer

Bei den Waldbränden im Var im August 2021 aber sind 70 Prozent des Naturreservates in den Flammen verschwunden. Es wird Jahrzehnte dauern, bis die Natur sich erholt hat. Die für den Var so typischen, prächtigen Schirmkiefern werden – ohne weitere Brände – erst in 30 Jahren wieder an ihre alte Schönheit erinnern.

10 000 der 15 000 Griechischen Landschildkröten des Massif des Maures haben auf dem Gebiet des Naturreservats gelebt. Dessen Verantwortliche hoffen nun, dass wenigstens 50 Prozent der Tiere überlebt haben.

Noch während die Flammen loderten, begannen die Mitarbeiter der für den Schutz der Griechischen Landschildkröten verantwortlichen Organisation (Station d’observation et de protection des tortues et de leurs milieux, kurz SOPTOM) mit freiwilligen Helfern, das Waldbrandgebiet im Var nach Schildkröten zu durchsuchen. Fanden sie Tiere, legten sie sie in eine Schüssel mit Wasser.

Das sollte helfen, die durch das Feuer ausgetrockneten Tiere ins Leben zurückzuholen. Dann aber wurden die Tiere wieder sich selbst überlassen, da die Experten davon ausgehen, dass sie trotz des Feuers in ihrem vertrauten Lebensraum am besten zurechtkommen. Mitarbeiter des Naturreservates rufen übrigens immer wieder dazu auf, die Schildkröten in keinem Fall mitzunehmen oder umzusetzen.

Waldbrandgefahr im Var

Das Departement Var immer wieder von Waldbränden heimgesucht, wobei das Massif des Maures oft betroffen ist. Besonders schlimm wüteten die Waldbrände 2003 als 20 000 Hektar zerstört wurden. Aber auch andere Regionen im Var, der durch seine großen Waldflächen besonders gefährdet ist, sind betroffen.

Während unseres Urlaubs erkundeten wir die Halbinsel von Saint-Tropez und befanden uns plötzlich unerwartet in einer durch einen Waldbrand geschaffenen, unwirklich grauen Landschaft wieder. Denn an jenem Ort, auf der Halbinsel von Saint-Tropez zwischen den Stränden Escalet und Gigaro, brannten im Juli 2017 500 Hektar ab, wobei das Cap Taillat besonders betroffen war.

Klimawandel und Waldbrände in Frankreich

Ganz Frankreich ist in den letzten Jahren immer stärker von Waldbränden betroffen. Ursache sind durch den Klimawandel verursachte Wettererscheinungen wie Trockenperioden und Hitzewellen. Am häufigsten treten Waldbrände in Frankreich im Mittelmeerraum und im Aquitanischen Becken auf. Allerdings sind die Waldbrände in Frankreich in den letzten Jahren aus diesen klassischen Waldbrandgebieten deutlich nach Norden gewandert.

Hier am Cap Taillat brannte es 2017

Denn während sich 2006 290, 2007 162 und 2008 210 Brände außerhalb dieser klassischen Waldbrandregionen ereigneten, waren es 2017 585, 2018 378 und 2019 737 Waldbrände. Deshalb könnte sich die für Waldbrände sensible Zone, die derzeit etwa ein Drittel Frankreichs ausmacht, bis 2040 um 30 Prozent erweitern.

Obwohl 90 Prozent der Waldbrände in Frankreich menschengemacht sind, hat sich Wahrscheinlichkeit, dass Feuer ohne menschliches Zutun allein aufgrund der meteorologischen Situation entstehen, erhöht. Auch ihre Intensität und die Anzahl der Tage, an denen Waldbrandgefahr besteht, haben zugenommen.

Schließlich ist auch die bei Waldbränden in Frankreich zerstörte Fläche angestiegen. Während 2006 und 2007 7000 Hektar Wald abbrannten, vernichteten Waldbrände in Frankreich 2010 und 2011 schon 9000 Hektar. Das Jahr 2017 bildete einen traurigen Höhepunkt mit 23176 Hektar verbranntem Wald.

Sollte dich das Thema interessieren: Die Waldbrände in Frankreich werden seit 2006 systematisch erfasst und sind auf einer der Internetseiten der französischen Regierung jedermann zugänglich.

Waldbrände verhindern!

50 Prozent der Waldbrände in Frankreich könnten verhindert werden. Wenn man im Süden des Landes im Sommer über die Autobahn fährt, wird man deshalb immer wieder auf großen Anzeigetafeln daran erinnert, dass man seine Zigarettenkippe doch keinesfalls aus dem Fenster werfen sollte.

90 Prozent der Waldbrände in Frankreich menschengemacht!

Diese Warnung ist so einleuchtend und wichtig. Umso mehr erstaunt es mich, sie grundsätzlich nur auf Französisch und nicht in anderen Sprachen zu lesen. Denn gerade von weit Hergekommene, wie die vielen Touristen aus aller Welt, die sich jedes Jahr im Var tummeln, sind sich vermutlich der Gefahr gar nicht bewusst.

Und wahrscheinlich nicht nur die. Als wir während unseres Urlaubs durch ein noch nicht abgebranntes Waldstück im Var fuhren, sahen wir einen LKW am Straßenrand parken. Sein Fahrer serviert sich gerade sein Abendessen, das er sich in einer heißen Pfanne zubereitet hat.

Was die Waldbrände im Var in diesem August verursacht hat, ist bislang unbekannt. Im Moment geht man von der (unbewiesenen) These aus, dass eine weggeworfene Zigarettenkippe Ursprung des Feuers gewesen sein könnte.

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4 Kommentare

Jürgen Hollstein 11. September 2021 - 21:02

Merci, weitgehend zutreffende Beschreibung. Wir sind vorgestern auch durch das betroffene Gebiet gefahren und – ehrlich gesagt – ich hatte es mir (noch) schlimmer vorgestellt. Bei den Bränden gibt es gar nichts zu beschönigen, wenn es (wahrscheinlich) Dummheit oder Sorglosigkeit war, ist das schlimm genug. Den Schwenk zum Klimawandel sehe ich mit Skepsis, das ist m.E. Zeitgeist, hier gleich eine Verbindung herzustellen.
Erfreulicherweise sieht man am Cap Taillard und anderswo, dass sich die Natur sehr schnell wieder erholt.
Mein größter Respekt gilt den französischen Feuerwehrkräften und allen anderen, die hier Großartiges geleistet haben.

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Feli 12. September 2021 - 10:51

Hallo Jürgen,
vielen Dank für deinen Kommentar! Ich hoffe, ihr hattet einen schönen Urlaub!

Dass du den Zusammenhang mit dem Klimawandel mit Skepsis betrachtet erstaunt mich ein wenig. Hier in Südfrankreich zweifelt da kaum jemand daran. Die Menschen, die hier wohnen, merken ja wie sich das Wetter in den letzten 20 Jahren verändert hat. Staatliche Institutionen arbeiten seit Jahren daran, die Folgen von Dürre- und Hitzeperioden abzufedern. Die Arbeit der Feuerwehr hier hat sich seit den neunziger Jahren enorm professionalisiert. Die Wälder im Var waren in diesem Sommer so trocken, weil es zu wenig regnet. Da wundert es nicht, dass dieses Feuer sich so schnell entwickeln konnte und es so lange dauerte, es unter Kontrolle zu bringen.

Viele Grüße
Feli

Reply
Miriam Hillebold 13. September 2021 - 23:11

Was für eine Artenvielfalt, ich hoffe, Tier- und Pflanzenwelt erholen sich, wenn auch langsam, wieder.
Ps : wenn man schon welche hat, dann gehören Zigarettenkippen niemals aus irgendwo hin geworfen….außer korrekt in den Müll

Reply
Feli 14. September 2021 - 8:55

Liebe Miriam,

vielen Dank für deinen Kommentar!
Die Artenvielfalt hier im Mittelmeerraum ist wirklich beeindruckend. Ich wusste das auch nicht, bevor ich hierher gezogen bin. Ehrlich gesagt, wusste ich bis vor Kurzem auch nicht, dass es in Europa Schildkröten gibt. Die Brände haben viel Schaden angerichtet.

Liebe Grüße
Feli

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