Ergebnisse einer Bürgerbefragung zum Thema Geschlechtergerechtigkeit in Frankreich

by Feli
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Die Gleichstellung von Mann und Frau ist ein selbsterklärter Schwerpunkt der Präsidentschaft Emmanuel Macrons. Die Bewegung En Marche! hat deshalb eine Bürgerbefragung zum Thema durchgeführt, deren Ergebnisse Anfang März vom Vorsitzenden der Bewegung Christophe Castaner vorgestellt wurden.

Ausgewertet wurden zwischen November und Februar gesammelte Beiträge von 35 000 Franzosen, 48% davon Männer, wobei 5000 nicht der Bewegung angehörten.

Ergebnisse der Bürgerbefragung zur Gleichstellung in Frankreich

Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass in Frankreich nach wie vor ein fundamentales Gefühl der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen existiert, die alle Bereiche betrifft, also sowohl den professionellen Bereich und den öffentlichen Raum als auch den privaten Bereich der Familie. Besonders kritisiert wurde innerhalb der Befragung die Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen infolge der Geburt eines Kindes. Diese Feststellung ist insofern bemerkenswert als in Frankreich der Wiedereinstieg der Frauen in den Beruf viel selbstverständlicher und weit schneller erfolgt als in Deutschland. Aber auch hier basieren die Ungleichheiten in der Berufswelt auf einer ungleichen Verteilung der familiären Pflichten wie Haushalt und Kinderbetreuung, die zu einem großen Teil auf den Schultern der Frauen lasten und in deren Folge Lohnungleichheiten entstehen.

Interessant ist außerdem, dass die Befragten den Kampf um Gleichberechtigung als einen kulturellen verstehen und Veränderungen der Gesetzgebung eher skeptisch gegenüberstehen. So befürworten 63 % die Anhebung der Frauenquote für Führungspositionen im öffentlichen Dienst, welche derzeit bei 40 % liegt. Aber 51 % lehnen eine solche Quote für Führungspositionen in privaten Firmen ab. 80 % befürworten die Einführung einer Elternzeit, jedoch lehnen 50 % der Männer und 40 % der Frauen eine obligatorische Vaterzeit ab. Allerdings befürworten 81 % mehr Engagement durch die staatlichen Erziehungs- und Bildungseinrichtungen und 82 % durch das staatliche Fernsehen.

Geradezu erschreckend ist das mangelnde Vertrauen gegenüber der juristischen Verfolgung von an Frauen verübter Gewalt. Nur 9 % glauben, dass eine Anzeige bezüglich sexueller Belästigung zu Sanktionen führt, insbesondere da man den Worten des Opfers wenig Berücksichtigung schenkt. Nur 30% halten Anzeigen bezüglich sexueller Gewalt für erfolgversprechend. Die MeToo-Debatte sollte in Frankreich also stärker geführt werden.

Das bisherige Vorgehen der Regierung befürworten die Befragten. Die geplante Einführung eines Bußgeldes in Höhe von 90 Euro für jede Form der sexuellen Belästigung im öffentlichen Raum erhält die Zustimmung von 84 % der Befragten. Der Ausweitung der Verjährung für Sexualverbrechen an Minderjährigen auf 30 Jahre stimmen 76 % zu.

Vorschläge zur Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit

Aus der Befragung ergeben sich für En Marche! fünf Verbesserungsvorschläge für die zukünftige Politik.

Die Einführung einer gemeinsamen Elternzeit bei der Geburt eines Kindes soll helfen die elterlichen Pflichten gleichmäßiger auf beide Geschlechter zu verteilen. Bisher stehen dem Vater drei Tage Urlaub anlässlich der Geburt eines Kindes sowie eine Vaterzeit von 11 Kalendertagen, welche durch die Krankenversicherung erstattet wird, zu. Ein Drittel der Väter nimmt schon diese Vaterzeit nicht in Anspruch. Werdende Mütter steht in Frankreich beim ersten Kind ein Mutterschaftsurlaub von 16 Wochen zu, acht davon bilden einen obligatorischen Mutterschutz. En Marche! schlägt vor neben diesem obligatorischen Mutterschutz zukünftig acht Wochen zur freien Verteilung für beide Partner bereitzustellen.

Ein weiterer Vorschlag ist die Einführung eines Informationsrechts über die geschlechtsspezifischen Lohnpraktiken einer Firma nach deutschem Vorbild. Zwar existiert die Lohngleichheit in Frankreich seit 1983 auf dem Papier, in der Praxis aber wird sie nicht umgesetzt. Konkret soll es möglich werden sich über den Lohn einer Person des anderen Geschlechts in der gleichen Position informieren zu können. Auch die Veröffentlichung von Gehältern nach Metier, Geschlecht und Erfahrung sollte laut En Marche! erwogen werden.

En Marche! befürwortet außerdem die steuerliche Förderung der Berufstätigkeit verheirateter Frauen und verfolgt damit eine gegenteilige Strategie als die deutsche Politik, welche am Ehegattensplitting festhält. In Frankreich werden die Einkommen verheirateter Paare bisher per Haushalt besteuert. Dies kann die professionelle Gleichstellung behindern, da bei großen Gehaltsunterschieden zwischen beiden Partnern die Person mit dem geringeren Einkommen zur Aufgabe ihrer Tätigkeit ermutigt werden kann, da ihr Einkommen nach dem Gesamteinkommen besteuert wird. Die Einführung einer freiwilligen individuellen Besteuerung beider Ehepartner soll dem zukünftig entgegenwirken.

Auch die Erhöhung der Frauenquote in Führungspositionen des öffentlichen Dienstes auf 50% bis 2020 findet sich unter den Vorschlägen. Schlussendlich sollen die staatlichen Erziehungs- und Bildungseinrichtungen in den Kampf um Gleichberechtigung der Frauen einbezogen werden. Diese Idee entspring der Tatsache, dass die rechtliche Gleichstellung in Frankreich in vielen Bereichen schon Realität ist, ihre praktische Umsetzung jedoch oft an der Mentalität der Menschen scheitert.

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